Fibromyalgie und ihre Behandlung
Autor: Op. Dr. M. Levent Deniz, Facharzt für NeurochirurgieZuletzt aktualisiert:
Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit weit verbreiteten Schmerzen im Körper, Müdigkeit, nicht erholsamem Schlaf und kognitiven Beeinträchtigungen. Da die Schmerzen besonders im Nacken, an den Schultern sowie im Rücken und unteren Rücken ausgeprägt sind, wird sie häufig mit einem lumbalen oder zervikalen Bandscheibenvorfall verwechselt. Fibromyalgie ist keine chirurgische Erkrankung; ihre Behandlung erfolgt durch Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin oder Schmerzmedizin. In diesem Artikel erläutern wir die klinischen Befunde, die diese Krankheitsbilder unterscheiden, und die Behandlungsansätze bei Fibromyalgie.

Was ist Fibromyalgie?
Fibromyalgie ist ein chronisches Syndrom mit weit verbreiteten Schmerzen, das bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern. Die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung beträgt etwa 2 % [1, 2]; bei Frauen nähert sie sich 4 % [1]. In einer türkischen Studie an Frauen im Alter von 20–64 Jahren wurde eine Häufigkeit von 3,6 % festgestellt [3].
Fibromyalgie verursacht über Monate anhaltende, ausgedehnte Schmerzen in mehreren Körperregionen, ausgeprägte Müdigkeit, nicht erholsamen Schlaf und gelegentlich kognitive Beeinträchtigungen, den sogenannten „Fibro-Fog“. Zusätzlich können regional begrenzte, druckempfindliche Stellen auftreten, die umgangssprachlich häufig als Muskelknoten bezeichnet werden. Solche Stellen allein begründen jedoch keine Fibromyalgiediagnose und können mit einem eigenständigen Krankheitsbild, dem myofaszialen Schmerzsyndrom, verwechselt werden. Die Schmerzen konzentrieren sich besonders auf den Übergang zwischen Nacken, Schultern und oberem Rücken sowie auf den unteren Rücken – genau auf jene Regionen, in denen auch lumbale und zervikale Bandscheibenvorfälle häufig auftreten. Dauerhafte Schreibtischarbeit, Fehlhaltungen, ein gestörter Schlafrhythmus und starker Stress sind Faktoren, die dieses Krankheitsbild verschlimmern.
Warum werden Fibromyalgie und lumbale oder zervikale Bandscheibenvorfälle verwechselt? (Differenzialdiagnose)
Der wesentliche Grund für die Verwechslung ist ein ähnliches Gefühl der Schmerzausstrahlung. Die Ursachen unterscheiden sich jedoch:
- Bei einem zervikalen Bandscheibenvorfall beeinträchtigen Bandscheibengewebe oder degenerative Veränderungen eine Nervenwurzel; die Schmerzen strahlen entlang eines bestimmten Verlaufs in den Arm oder das Bein aus (radikulärer Schmerz). Neurologische Befunde wie Taubheitsgefühl, Reflexveränderungen oder eine Abnahme der Muskelkraft können hinzukommen.
- Bei Fibromyalgie: Die Fibromyalgie selbst verursacht keine Nervenwurzelkompression. Die Schmerzen sind stärker verbreitet und eher dumpf-ziehend. Druckempfindliche Stellen, ausgeprägte Müdigkeit und das Gefühl eines nicht erholsamen Schlafs begleiten sie.
Die klinischen Befunde lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Anhaltende Muskelanspannung und nicht nachlassende Schmerzen: Verhärtung, Steifigkeit und tiefe, anhaltende Schmerzen in der Nacken-, Rücken-, Schulter- und unteren Rückenmuskulatur.
- Müdes Erwachen und Schwächegefühl: Die Betroffenen wachen morgens müde und nicht erholt auf, selbst wenn sie ausreichend lange geschlafen haben.
- Taubheitsgefühl und Kribbeln: Diese Beschwerden können in Armen, Händen oder Beinen auftreten; sie sind wechselnd und entsprechen nicht dem Versorgungsgebiet einer bestimmten Nervenwurzel. Bei anhaltender Taubheit in einem klar begrenzten Gebiet, Kraftverlust oder Reflexausfällen muss zunächst eine Ursache an der Wirbelsäule geprüft werden.
- Der vermeintliche Bandscheibenvorfall: Weil Schmerzen im Rücken und Nacken in die Arme und Schmerzen im unteren Rücken ins Bein ausstrahlen können, vermuten viele Betroffene einen Bandscheibenvorfall. Die fachärztliche Untersuchung und bei Bedarf eine MRT klären die Abgrenzung.
Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?
Die Diagnose wird nicht durch einen Bluttest oder ein bildgebendes Verfahren gestellt, sondern anhand der Krankengeschichte, der klinischen Beurteilung und der körperlichen Untersuchung. MRT und Röntgen dienen dazu, eine mögliche Ursache der Schmerzen an der Wirbelsäule zu untersuchen.
Der diagnostische Ablauf umfasst folgende Schritte:
- Dauer und Verteilung: Erfragt werden nicht erklärte, weit verbreitete Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen, die seit mindestens 3 Monaten bestehen.
- Gemeinsame Bewertung der Symptome: Neben den verbreiteten Schmerzen werden Müdigkeit, nicht erholsames Erwachen und kognitive Beeinträchtigungen („Fibro-Fog“) zusammen beurteilt. Die Diagnosekriterien des American College of Rheumatology (ACR) bilden hierfür einen Rahmen.
- Ausschluss ähnlicher Erkrankungen: Wenn Anamnese und Untersuchung darauf hindeuten, werden Schilddrüsenstörungen, Vitamin-D-Mangel und rheumatische Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Lupus durch Blutuntersuchungen abgeklärt. Bei Hinweisen auf eine wirbelsäulenbedingte Nervenkompression erfolgen eine neurologische Untersuchung und gegebenenfalls eine MRT.
Wie leiten wir unsere Patienten weiter, wenn eine Fibromyalgie festgestellt wird?
Die primäre Behandlung der Fibromyalgie gehört nicht zur Wirbelsäulenchirurgie, sondern zur Physikalischen und Rehabilitativen Medizin oder Schmerzmedizin. Wenn wir die Diagnose in unserer Sprechstunde stellen, überweisen wir unsere Patienten an den entsprechenden Facharzt und erläutern in Grundzügen die folgenden Ansätze:
1. Konservative Behandlung und Patientenschulung
Die Grundlagen der Behandlung sind Patientenschulung und regelmäßige Bewegung. Angepasst an die Belastbarkeit werden aerobe Aktivitäten wie Gehen, Schwimmen oder Radfahren, Dehnübungen und schrittweise gesteigerte Kräftigungsübungen geplant. Hinzu kommen Techniken zur Verbesserung der Körperhaltung. Bewegung ist bei Fibromyalgie der nicht medikamentöse Ansatz mit der stärksten wissenschaftlichen Evidenz [4].
2. Triggerpunktinjektionen bei begleitenden myofaszialen Schmerzen
Bei einem myofaszialen Schmerzsyndrom, das häufig zusammen mit Fibromyalgie auftreten oder mit ihr verwechselt werden kann, ist dies eine Methode, die entsprechende Fachärzte bei klar umschriebenen, lokalisierten Triggerpunkten anwenden können.
3. Ergänzende Ansätze mit begrenzter Evidenz: Neuraltherapie und intravenöse Ozontherapie
Einige Zentren bieten Neuraltherapie mit örtlichen Betäubungsmitteln und die intravenöse Verabreichung von Ozon als ergänzende Methoden an. Die Evidenz für ihre Wirksamkeit bei Fibromyalgie ist schwach; sie ersetzen keine grundlegenden Maßnahmen wie Bewegung, Patientenschulung und einen geregelten Schlafrhythmus.
4. Unterstützende und ganzheitliche Ansätze
Wenn Stress, Schlafstörungen und seelische Anspannung die Schmerzen und Müdigkeit verstärken, werden ergänzend zur medikamentösen Behandlung psychologische Unterstützung, Maßnahmen zur Schlafhygiene und Veränderungen des Lebensstils einbezogen.
🩺 Ärztliche Einblicke & klinische Erfahrung
„Ein Teil der Patienten kommt mit der Sorge in meine Sprechstunde, unerträgliche Nacken- oder Rückenschmerzen bedeuteten, dass ihre Bandscheibe »geplatzt« sei oder eine Operation notwendig werde. Nach eingehender neurologischer und klinischer Untersuchung stelle ich bei manchen fest, dass nicht die Bandscheiben, sondern eine Fibromyalgie die Beschwerden verursacht. Verbreitete Schmerzen und Müdigkeit können von Betroffenen leicht mit Bandscheibenschmerzen verwechselt werden. Meine Aufgabe als Wirbelsäulenchirurg besteht hier darin, zunächst ein ernsthaftes Problem an der Wirbelsäule wie Nervenkompression oder Spinalkanalstenose auszuschließen und bei einem zur Fibromyalgie passenden Bild an den zuständigen Facharzt zu überweisen. Eine frühzeitige und korrekte Unterscheidung schützt vor unnötiger Angst vor einer Operation und vor Zeitverlust durch eine ungeeignete Behandlung.“
Häufig gestellte Fragen
An welchen Arzt sollte ich mich bei Fibromyalgie wenden?
Fibromyalgie wird von Fachärzten für Physikalische und Rehabilitative Medizin oder Schmerzmedizin behandelt. Wenn Schmerzen vom unteren Rücken oder Nacken entlang eines bestimmten Verlaufs in einen Arm oder ein Bein ausstrahlen und Taubheit oder Kraftverlust hinzukommen, sollte zunächst ein Wirbelsäulenchirurg einen Bandscheibenvorfall oder eine Nervenkompression ausschließen. Bei überwiegend verbreiteten Schmerzen in vielen Körperregionen, Müdigkeit und Schlafproblemen können Sie sich direkt an die genannten Fachrichtungen wenden.
Kann Fibromyalgie Taubheitsgefühl in einem Arm oder Bein verursachen?
Ja, das ist möglich. Dieses Taubheitsgefühl ist jedoch nicht spezifisch für Fibromyalgie und folgt nicht dem Versorgungsgebiet einer bestimmten Nervenwurzel. Bleibt die Taubheit auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt oder kommen verminderte Muskelkraft oder Reflexausfälle hinzu, müssen diese Befunde zunächst durch eine Untersuchung der Wirbelsäule und der Nerven abgeklärt werden.
Wie verstärken Stress, Angst und Depressionen Fibromyalgieschmerzen?
Stress, Angst und Schlafmangel erhöhen die Überempfindlichkeit des Schmerzsystems; Gehirn und Rückenmark verarbeiten Schmerzsignale stärker. Vorhandene Schmerzen werden dadurch intensiver wahrgenommen, und Müdigkeit sowie Schlafprobleme treten deutlicher hervor.
Kann Fibromyalgie operativ behandelt werden?
Nein. Fibromyalgie selbst ist keine chirurgische Erkrankung, und zu ihrer Behandlung wird keine Operation durchgeführt. Die Behandlung besteht aus Bewegung, Patientenschulung und medizinischen Maßnahmen, die von den zuständigen Fachärzten geplant werden.
Welche Übungen sollten Menschen mit Fibromyalgie durchführen?
Aerobe Aktivitäten mit leichter bis mittlerer Intensität wie Gehen, Schwimmen und Radfahren sind bei Fibromyalgie am besten belegt. Individuell angepasste Dehnübungen, schrittweise Kräftigung sowie Yoga oder Pilates können ergänzt werden. Wichtig ist eine allmähliche Steigerung entsprechend dem persönlichen Schmerzniveau.
Literatur / References
- Heidari F, Afshari M, Moosazadeh M. Prevalence of fibromyalgia in general population and patients, a systematic review and meta-analysis. Rheumatol Int. 2017;37(9):1527-1539. PMID: 28447207.
- Wolfe F, Brähler E, Hinz A, Häuser W. Fibromyalgia prevalence, somatic symptom reporting, and the dimensionality of polysymptomatic distress: results from a survey of the general population. Arthritis Care Res (Hoboken). 2013;65(5):777-785. PMID: 23424058.
- Topbas M, Cakirbay H, Gulec H, Akgol E, Ak I, Can G. The prevalence of fibromyalgia in women aged 20-64 in Turkey. Scand J Rheumatol. 2005;34(2):140-144. PMID: 16095011.
- Macfarlane GJ, Kronisch C, Dean LE, et al. EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. Ann Rheum Dis. 2017;76(2):318-328. PMID: 27377815.
- 👨⚕️ Autor und medizinischer Prüfer dieses Inhalts: Op. Dr. M. Levent Deniz – Facharzt für Neurochirurgie
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Bringen Sie, falls vorhanden, aktuelle MRT- und CT-Aufnahmen, frühere Befunde und OP-Berichte sowie eine Liste Ihrer regelmäßigen Medikamente mit. Das erleichtert die Beurteilung erheblich.
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Wir hören uns Ihre Beschwerden und Vorgeschichte an, führen eine neurologische Untersuchung durch und sehen Ihre vorhandenen Aufnahmen gemeinsam durch. Die Behandlungsoptionen werden anschließend mit Ihnen geplant — unter Berücksichtigung Ihrer Erwartungen und Ihres Lebensstils.
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